Johann Sebastian Bachs „Johannespassion“ im Konzert am Karfreitag

Die Johannespassion BWV 245 von Johann Sebastian Bach gilt als eines der Gipfelwerke der Barockmusik und ist ein zentrales Werk der kirchenmusikalischen Tradition des Karfreitags. In einzigartiger Weise verbindet Bach den biblischen Passionsbericht mit dramatischer musikalischer Gestaltung, meditativen Arien und eindringlichen Chören. Das Werk erschüttert und tröstet zugleich. Bachs Komposition lädt bis heute zur Auseinandersetzung mit dem Leiden Christi ein.

Am Karfreitag, dem 3. April 2026, führen wir die Johannespassion um 17.00 Uhr in der St.-Nikolai-Kirche Rostock unter Leitung von Kantor Markus J. Langer auf. Es singt der Rostocker Motettenchor. Wir freuen uns, dass nach den Konzerten mit der h-Moll-Messe erneut die Akademie für Alte Musik Berlin spielen wird.

Mit der Akademie für Alte Musik Berlin ist eines der international renommiertesten Ensembles für historisch informierte Aufführungspraxis zu Gast. Akamus steht seit Jahrzehnten für höchste musikalische Präzision, klangliche Transparenz und eine durchdachte Annäherung an die Musik Johann Sebastian Bachs. Ihre Interpretationen sind geprägt von stilistischer Klarheit und großer Ausdruckskraft und genießen weltweit höchste Anerkennung.

Der Rostocker Motettenchor bringt seine langjährige Erfahrung und sein profiliertes musikalisches Niveau in dieses anspruchsvolle Werk ein. Besonders die großen Chöre der Johannespassion – von den dramatischen Turba-Chören bis zu den kontemplativen Chorälen – verlangen hohe Präzision, Textverständlichkeit und geistliche Tiefe, die der Chor in besonderer Weise einzubringen vermag.

Die Solopartien übernehmen herausragende Interpretinnen und Interpreten der Alten Musik: Dorothee Mields (Sopran), David Erler (Altus), Hans Jörg Mammel (Tenor), Cornelius Uhle (Bass – Christusworte) und Matthias Vieweg (Bass – Arien).

Zugleich stellt die Aufführung der Johannespassion uns heute vor eine bleibende Herausforderung. Die Diskussion entzündet sich weniger an Bach selbst als an dem biblischen Text, den er vertont: dem Johannesevangelium.

Dieses verwendet im Passionsbericht wiederholt die Sammelbezeichnung „die Juden“ als Gegenspieler Jesu. Anders als in den synoptischen Evangelien erscheint diese Bezeichnung häufig pauschal und konfliktbeladen. Historisch ist dabei zu bedenken: Jesus, seine Jünger und die ersten christlichen Gemeinden waren selbst Juden. Die im Johannesevangelium geschilderten Auseinandersetzungen sind ursprünglich innerjüdische Konflikte des 1. Jahrhunderts. Das Evangelium entstand in einer Zeit wachsender Spannungen zwischen der johanneischen Gemeinde und anderen jüdischen Gruppen. In diesem Zusammenhang wurde der Begriff „die Juden“ zunehmend zu einem Abgrenzungsbegriff. Problematisch wirkt diese Sprache dort, wo sie verallgemeinernd gelesen wird. Einzelne Gegner Jesu oder bestimmte religiöse Autoritäten werden nicht klar unterschieden, sondern scheinen stellvertretend für „die Juden“ insgesamt zu stehen. So entsteht der Eindruck einer kollektiven Schuldzuweisung, während die römische Besatzungsmacht – historisch verantwortlich für die Kreuzigung – in den Hintergrund tritt.

Diese Zuspitzung hat eine belastete Wirkungsgeschichte entfaltet. Über Jahrhunderte hinweg wurden solche Texte antijüdisch ausgelegt und zur religiösen Rechtfertigung von Ausgrenzung und Gewalt gegen Jüdinnen und Juden missbraucht. Auch wenn dies nicht der ursprünglichen Intention des Evangeliums entspricht, gehört diese Wirkungsgeschichte untrennbar zur Rezeption des Werkes.
In Bachs Johannespassion werden diese Textstellen durch die Musik noch intensiviert. Die dramatischen Chöre, in denen „die Juden“ als schreiende Menge auftreten, besitzen enorme emotionale Kraft. Gerade deshalb stellt sich heute die Frage, ob und wie dieses Werk unkommentiert aufgeführt werden kann.

Diese Aufführung versteht sich daher nicht nur als musikalisches Ereignis von außergewöhnlicher Qualität, sondern auch als Einladung zu einer bewussten, verantwortungsvollen Rezeption. Die Johannespassion bleibt ein Werk von großer geistlicher Tiefe und künstlerischer Schönheit – und zugleich ein Werk, das uns herausfordert, aufmerksam hinzuhören, historisch einzuordnen und kritisch mitzudenken.

Herzliche Einladung zu einem Karfreitagskonzert, das große Musik, Glauben und Nachdenklichkeit miteinander verbindet. Sichern Sie sich rechtzeitig gute Plätze! Karten erhalten Sie wie immer unter www.mvticket.de, im Pressezentrum und evtl. noch an der Abendkasse. Der VVK startet am 13. Februar 2026 um 10 Uhr.